Was passiert alles im Anne Frank Haus? Im Museum, aber zum Beispiel auch in der Abteilung Pädagogik und bei Wanderausstellungen? Mitarbeiter des Anne Frank Hauses erzählen.

Vergessene Opfer

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„Warum ist nur Anne so berühmt?", fragt Mustafa im Unterricht der Grundschule „De Piramide" in Haarlem, „es gibt doch so viele andere Juden?" Das ist auch eine der häufigsten Fragen von Schülerinnen und Schülern, die das Anne Frank Haus besuchen.

Kolumne

Die Schüler können diese Frage meist sehr gut selbst beantworten: das Tagebuch, Annes Vater, der als Einziger der acht Untergetauchten die Vernichtungslager überlebte und das Tagebuch veröffentlichte, Übersetzungen, Theaterstücke, Filme und natürlich das Museum.

Die Frage zeigt, dass Wissen vorhanden ist: Es wurden doch viel mehr Kinder ermordet! Und sie verrät so etwas wie Entrüstung: Ist es nicht unfair, dass Anne berühmt ist und Margot und all die anderen nicht bekannt sind?

Das Mädchen im Deportationszug

Zwei Tage, bevor Anne in Amsterdam verhaftet wurde, wurden alle Roma und Sinti, darunter vermutlich auch die neunjährige Settela, in einer Gaskammer ermordet. Settela Steinbach, kennst du sie? Ihr Gesicht ist dir vielleicht aus Filmbildern bekannt: das Mädchen, das aus dem Deportationszug schaut, kurz bevor die Türen verriegelt werden. Der Zug, der am 19. Mai 1944 in Westerbork abfährt und drei Tage später in Auschwitz ankommt.

Zoni kann entkommen

Auch Zonis Familie war in diesem Zug. Dank der Hilfe eines niederländischen Polizisten gelang es Zoni, der damals sieben Jahre alt war, mit seiner Tante in einen anderen Zug zu entkommen, während seine Familie nach Auschwitz deportiert wurde. Seine Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder wurden, wie Settela, am 2. August 1944 ermordet. Sein Vater kam im KZ Mittelbau-Dora ums Leben.

© Z. Weisz

Warum so lange ...

Am 27. Januar 2011 sprach Zoni Weisz als erster Vertreter der Sinti und Roma im deutschen Bundestag: „Es kann und darf nicht sein, dass ein Volk, das durch die Jahrhunderte hindurch diskriminiert und verfolgt worden ist, heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, immer noch ausgeschlossen und jeder ehrlichen Chance auf eine bessere Zukunft beraubt wird."

Unmenschliche Umstände

Zoni Weisz spricht in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag über die menschenunwürdigen Umstände in Gettos in Rumänien und Bulgarien: „In Ungarn ziehen Rechtsextremisten wieder in schwarzer Kluft umher und schikanieren und überfallen Juden, Sinti und Roma. Neonazis haben Roma ermordet, darunter einen fünfjährigen Jungen. Es gibt in Gaststätten und Restaurants wieder Schilder mit der Aufschrift "Für Zigeuner verboten".

Verbindung mit Kindern heute

Settela wird vielleicht nie so bekannt werden wie Anne. Dennoch können wir Annes Geschichte mit der Geschichte anderer Kinder verbinden, jüdischer Kinder aus den Dörfern und Städten, in denen Schüler heute leben, und Roma- und Sinti-Kindern, die das gleiche Schicksal erlitten wie ihre jüdischen Altersgenossen. Sechs dieser Geschichten – darunter die von Settela und Zoni – werden in der digitalen Ausstellung The forgotten genocide: the fate of the Sinti and Roma erzählt.

Kolumnistin: Karen Polak Karel Polak ist Expertin für den Unterricht über Antisemitismus und Holocaust-Pädagogik. Im Zusammenhang mit Gedenktagen erinnert sie in ihrer Kolumne an vergessene Opfer des Nationalsozialismus.

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