Was passiert alles im Anne Frank Haus? Im Museum, aber zum Beispiel auch in der Abteilung Pädagogik und bei Wanderausstellungen? Mitarbeiter des Anne Frank Hauses erzählen. Hier: Karen Polak über den Unterschied zwischen Mobbing und Diskriminierung.

Anne Frank wurde nicht gemobbt

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Anne war bei ihren Mitschülerinnen und Mitschülern beliebt. Sie konnte aber auch ein bisschen kratzbürstig sein. Gemobbt wurde sie nicht, sondern diskriminiert. Necken, Mobben, Vorurteil, Diskriminierung: nicht jeder sieht die Unterschiede, aber hier zu unterscheiden ist wichtig.

Kolumne

Stories that move

Young people from 7 different European countries talked about identity, diversity and discrimination. 

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Exhibitions and activities worldwide

The Anne Frank House is active in more than fifty countries with exhibitions and educational projects.

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Anne Frank ist kein Heilmittel gegen Mobbing

Vor ein paar Jahren rief mich eine Grundschullehrerin an, die mit ihrer Klasse von acht- bis neunjährigen Kindern ins Anne Frank Haus kommen wollte. Ich erklärte ihr, dass Kinder in diesem Alter noch zu jung sind und dass Schüler erst etwa mit elf, zwölf Jahren begreifen, was der Antisemitismus und Rassismus der Nazis bedeutete. „Ja, aber sie interessieren sich so für Anne Frank”, antwortete sie, und nach einer kleinen Pause sagte sie noch: „Sie mobben sich auch so viel gegenseitig.“ Ich dachte: Da liegt aber etwas gewaltig im Argen, wenn Anne Frank eingesetzt werden soll, um etwas gegen Mobbing zu unternehmen.

Parallelen

Sicher, es gibt Parallelen zwischen Mobbing und Diskriminierung, und manchmal überschneiden sich beide Verhaltensweisen. Die Ausgrenzung des oder der „anderen“ spielt eine große Rolle. Die Suche nach einem Sündenbock. Machtunterschiede und die fünf Rollen des Opfers, des Täters, der Zuschauer (Mitschüler/innen in der Klasse), der Lehrkraft/ Schule und der Eltern.

Manche psychologischen Mechanismen ähneln sich, etwa bei der Begründung, warum jemand nicht eingreift: „Es war doch keine große Sache” (bagatellisieren), „er/sie hat es herausgefordert“ (die Schuld auf das Opfer schieben), „das hat es schon immer gegeben“ (und deshalb lässt sich angeblich nichts dagegen tun).

Ein Anti-Mobbing-Koffer ist keine Lösung

Diskriminierung und Mobbing tritt vor allem da auf, wo sich Menschen unsicher fühlen. Und die Wurzeln dieser Probleme sind hartnäckig. Mit einer Unterrichtsstunde, einem Anti-Mobbing-Koffer, einem Projekt am Anfang des Schuljahrs lässt sich das Problem nicht lösen. Es erfordert Beharrlichkeit und Konsequenz, einen breit gefächerten Ansatz und vor allem: das gute Vorbild. Wir müssen bereit sein, uns einzugestehen, dass wir als Erwachsene oft andere Menschen herabsetzen oder demütigen und damit Jugendlichen ein falsches Vorbild geben.

Zu Recht ist Mobbing in der Schule ein Thema, das immer wieder öffentlich diskutiert wird. In Deutschland fordert der Philologenverband, dass das Thema Mobbing an Schulen in der Lehrerausbildung stärker berücksichtigt wird. Um Mobbing zu verhindern und zu stoppen, ist Problembewusstsein und Klarblick nötig, aber auch die Überzeugung, dass es notwendig und möglich ist, Mobbing und Diskriminierung entgegenzutreten. Besonders wichtig ist Empathie. Opfer müssen jederzeit in Schutz genommen werden.

Vorurteile

Sich gegenseitig auf nette Art necken ist eine Kunst – das macht man unter Freunden, dabei kann man lachen. Mobbing ist verletzend, niederträchtig und gefährlich. Es geschieht oft versteckt und richtet sich meist gegen eine Person oder gegen eine kleine Gruppe. Diskriminierung findet oft öffentlich statt, aber Menschen sind sich nicht immer bewusst, dass sie diskriminieren. Manchmal geschieht es auch aus Überzeugung: „Die gehören nicht zu uns.“ Es kann aber auch unbewusst passieren: „Ist das Diskriminierung? So habe ich es nicht gemeint!“ Diskriminierung ist viel mehr als ein gesellschaftliches und politisches Problem. Vorurteile haben wir alle, aber wir können uns damit auseinandersetzen und entdecken, dass wir uns selbst und anderen nicht gerecht werden, wenn wir an Vorurteilen festhalten.

Es wäre ein guter Anfang, wenn jede Lehrkraft weiß, wie man eine sichere und vertraute Atmosphäre in der Klasse schafft. Es wäre ein guter Anfang, wenn jede Schülerin und jeder Schüler erklären kann, was der Unterschied ist zwischen Mobbing und Necken, zwischen Vorurteilen und Diskriminierung.

 

Karen Polak ist auf Unterricht über Antisemitismus, die Judenverfolgung und den Genozid an den Roma und Sinti spezialisiert.

Siehe auch

Zur Entstehungs- geschichte der Fotos

Anne Frank und ihre Freundinnen in Amsterdam...

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