Der Direktor des Anne Frank Zentrums über die inspirierende Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern

Patrick Siegele

Patrick Siegele: „Ich Schleimer nenne da meine Lehrerin“ © Anne Frank Zentrum / Swen Rudolph
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Patrick Siegele, der Direktor des Anne Frank Zentrums in Berlin, gibt als Jugendlicher keinen Popstar, sondern seine Geschichtslehrerin als größtes Vorbild an. „Meine Mitschüler fanden das alle total schrecklich.“ Von ihr hat er gelernt, neugierig und kritisch zu sein, auch wenn es um die Geschichte seines Heimatlandes Österreich geht.

Interview

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Wer ist dein größtes Vorbild?

Als ich ein Jugendlicher war, waren Freundesbücher in, in die man so etwas wie „Dein Lieblingsessen", „Dein Lieblingsbuch", „Dein Lieblingsfilm" eintrug. Man klebte ein Foto ein und füllte ein Formular aus, und da stand dann auch: „Dein größtes Idol". Ich habe dort meine Geschichtslehrerin eingetragen, das fanden meine Mitschüler alle total schrecklich. (Nachfrage: Die haben sicher Popstars eingetragen?) Ja, und ich Schleimer nenne da meine Lehrerin. Aber ich habe das zutiefst so empfunden, sie war so anders als alle andern. Ich stehe auch heute noch in Kontakt mit ihr, sie lebt immer noch in dem Dorf.

Das war für mich wie eine Initiation

Ich hatte das große Glück, dass ich diese fantastische Geschichtslehrerin hatte. Sie hat Ende der achtziger Jahre in Österreich auf dem Land, wo die Bereitschaft, sich mit der österreichischen Verantwortung auseinanderzusetzen, nicht sehr groß war, zu uns dreizehnjährigen Schülern gesagt: Hier habt ihr ein Mikro und ein Aufnahmegerät, jetzt geht mal zu euren Nachbarn aus der älteren Generation und fragt sie, wie das damals war. Ich glaube, das war für mich wirklich ganz prägend, im Grunde ein Projekt mit einem klassischen, lokalhistorischen biografischen Ansatz – das war für mich wie eine Initiation. Es hat diesen Impuls gebraucht, um mit meiner Großmutter darüber zu sprechen und mit meinen Nachbarn, und ich kann heute sagen, dass mich das Thema ab dann nicht mehr losgelassen hat. Und auch wenn ich später nicht Geschichte studiert habe, habe ich mich immer in diesem Bereich engagiert und das eben zu einer Zeit, wo das nicht so einfach war und wo in dem Verein, in dem ich dann – in Österreich – gearbeitet habe, wir auch wirklich übel beschimpft wurden und keine Unterstützung bekamen. Es herrschte ja Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre immer so diese Schlussstrichmentalität – so, jetzt ist es doch mal genug, was haben denn wir Österreicher damit zu tun – also all die antisemitischen Stereotype und Argumentationsmuster habe ich auch abgekriegt.

Bei diesen Interviews, die du als Schüler gemacht hast, waren die Leute denn einigermaßen ehrlich oder auch selbstkritisch oder kann man das als Kind gar nicht einschätzen?

Also wenn ich es heute noch mal lesen oder hören würde, würde ich es vielleicht auch anders sehen. Auf alle Fälle waren die Menschen sehr gesprächsbereit, es gab niemanden, der gesagt hat, darüber will ich nicht reden. Ich erinnere mich noch, dass mein Nachbar, ein ganz grummeliger Mann, der an der Ostfront war, dabei richtig aufgeblüht ist - also im Sinne von: Jetzt kann ich meine Geschichte erzählen. Natürlich war es sein Narrativ, und natürlich kam der Holocaust in Osteuropa in seinen Erzählungen nicht vor, und ich war zu jung und unerfahren und unwissend, um da nachzufragen. Aber ich habe meine Großmutter damals danach gefragt, doch da es in dem Gebirgstal, aus dem ich komme, keine jüdische Bevölkerung gab, konnte sie mir zur Lokalgeschichte in diesem Punkt nichts erzählen.

Keine nachträgliche Beschönigung oder Glorifizierung

Es gibt aber eine sehr interessante Geschichte aus dieser Gegend, die erforscht und überliefert wurde. Wir lebten an der Schweizer Grenze, und es gab jüdische Flüchtlinge, die diesen Weg gewählt haben. Meine Großmutter hat das, wie sie sagte, nicht mitbekommen, und das kann auch stimmen. Später ist die Geschichte von dieser Schutzhütte, der Jamtalhütte, bei mir in der Gegend dann erforscht worden: Der Hüttenwirt hat mehreren jüdischen Familien dabei geholfen, über das Gebirge in die Schweiz zu fliehen. An der Universität Innsbruck wurde am Geschichtsinstitut eine Diplomarbeit darüber geschrieben. Aber auf alle Fälle hat meine Großmutter mir eine sehr antifaschistische Haltung – so möchte ich das jetzt mal bezeichnen – vermittelt: Also Hitler war schlecht, die Nazis waren schlecht, die Juden konnten nichts dafür, jeder wollte sein Leben leben, das war die Botschaft, die sie mir vermittelt hat und die auch prägend für mich war. Ich kann nicht verifizieren, ob das mit ihrer Haltung während des Zweiten Weltkrieges übereinstimmt, ich denke aber schon, und es ist auf alle Fälle das, was sie mir mitgeben wollte. Es gab überhaupt keine nachträgliche Beschönigung oder Glorifizierung von irgendetwas aus dieser Zeit.

„Ich häng doch von diesem Affen kein Foto auf“

Sie hat sehr christlich argumentiert, an ein paar Sätze kann ich mich noch gut erinnern. Sie sagte, da kam dann jemand, der meinte, wir müssten jetzt ein Porträt von Hitler aufhängen. „Ich häng doch von diesem Affen kein Foto auf", sagte sie zu mir. Ich habe auch andere Erzählungen von ihr ganz lebendig in Erinnerung. Dass die Kirchenglocke entfernt wurde zum Einschmelzen, kommentierte sie später aus einer zutiefst christlichen Überzeugung heraus: „Und spätestens da wusste ich, dass die den Krieg verlieren werden, wenn sie nicht mal vor den Kirchenglocken zurückschrecken."

Was ist für dich wichtig, wenn du mit Lehrkräften arbeitest?

Wir sehen Lehrkräfte als wichtige Multiplikatoren für unsere Arbeit. In erster Linie ist es uns wichtig, die Lehrerinnen und Lehrer zu unterstützen, die etwas verändern wollen und die guten Unterricht machen wollen.

Wir machen nicht mehr so viele Lehrkräfte-Fortbildungen auf der Ebene von Wissensvermittlung und Sensibilisierung und so weiter, sondern unsere Fortbildungen bestehen in erster Linie in der Vermittlung von Materialien und Ansätzen. Also wir machen zum Beispiel zu unserer Graphic Novel Die Suche eine Fortbildung oder zu unserem neuen Menschenrechtsmaterial. Wir versuchen immer ganz konkret, über Materialien zu arbeiten. Das ist eigentlich unser wichtigster Ansatz. Wir haben auch in den Wanderausstellungen Lehrerfortbildungen gemacht, die vor allem das Ziel hatten: Wie können Lehrkräfte den Ausstellungsbesuch mit ihren Schülerinnen und Schülern vor- und nachbereiten, welche Materialien bieten wir in diesem Rahmen auch zur Beschäftigung mit Anne Frank an – das ist auch ein wichtiger Baustein für uns. Es wird ja oft und viel geschimpft über Lehrerinnen und Lehrer – wir versuchen dagegen, die schwierige Situation zu sehen, in der sie sich oft befinden. Es gibt tausend Themen, die von außen auf die Lehrkräfte einprasseln und mit denen sie sich unbedingt beschäftigen müssen. Wir versuchen, diese Situation und den Zeitmangel zu berücksichtigen und den Lehrkräften Angebote zu machen, die ihnen konkret helfen und die nicht noch mehr Arbeit machen. Und da haben wir tatsächlich bisher, finde ich, gute Sachen gemacht und auch sehr viel positives Feedback bekommen.

Multiplikationseffekt

Was ich wirklich von keiner anderen Ausstellung und von keinem anderen Museum kenne, das sind die Materialien zur Vor- und Nachbereitung. Wir haben sie jetzt gerade evaluiert und sind dabei auch in die Schulklassen gegangen, um uns anzuschauen, wie damit gearbeitet wird. Das wird so dankbar angenommen - dass es da überhaupt etwas gibt und dass es dann auch noch etwas gibt, das 1:1 den Schülern gegeben werden kann, mit dem sie arbeiten können und das die Vorbereitung auf den Besuch hier in einer einzigen Unterrichtsstunde ermöglicht.

Genauso ist es mit der digitalen Unterrichtseinheit zu Anne Franks Geschichte, auch da haben wir eine Evaluierung gemacht und wirklich sehr viel positives Feedback bekommen. Sie ist schon dreieinhalbtausend Mal von unserer Website heruntergeladen worden. Auch hier schätzen Lehrerinnen und Lehrer es sehr, dass der Stoff in einer Unterrichtsstunde bewältigt werden kann und nicht so viele Vorbereitungen erfordert. Die Handhabung ist relativ intuitiv. So versuchen wir halt, Lehrerinnen und Lehrer bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Und natürlich – machen wir uns da nichts vor, diejenigen, die sich mit den Themen nicht beschäftigen wollen, werden wir auch nicht erreichen oder schwer erreichen – wollen wir zumindest denen etwas Gutes tun, die zu uns kommen und dann eben darauf hoffen, dass es dadurch auch einen Multiplikationseffekt gibt und sie anderen Kolleginnen und Kollegen davon erzählen.

Und noch etwas ist wichtig: Wir arbeiten ja mittlerweile auch eng mit sogenannten Anne-Frank-Partnerschulen in Berlin zusammen, das sind offizielle Partnerschulen von uns, mit denen wir eine Kooperationsvereinbarung eingegangen sind und mit denen wir unter anderem auch Materialien testen. Das wünschen wir uns noch mehr für die Zukunft, das möchten wir intensivieren.

Was würdest du Jugendlichen raten, die dabei sind, ihren Weg in die Gesellschaft zu finden?

Zuerst einmal sollen sie gut hinschauen, offen durch die Welt gehen, neugierig sein, das ist ganz wichtig – also nicht denken, das geht mich nichts an, sondern sich informieren, Zeitung lesen, mit anderen reden. Und sie sollten sich darüber Gedanken machen, welche Rechte, aber auch welche Pflichten habe ich in der Gesellschaft, und das dann auch wahrnehmen und sich engagieren. Das sind natürlich hehre Wünsche und hehre Ziele, aber ich habe es ja selbst auch erlebt und erfahren – und ich glaube, offen und neugierig und engagiert durch die Welt zu gehen, ist zwar anstrengender, aber auf längere Sicht macht es, glaube ich, zufriedener und glücklicher. Ich denke mir immer wieder, was für ein Privileg es ist, da gelandet zu sein, wo ich jetzt bin, also ständig so interessierte und interessante Menschen zu treffen - ich empfinde es als ein Privileg, diese tolle Arbeit zu machen.

Siehe auch

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