Neuer Direktor des 20 Jahre bestehenden Anne Frank Zentrums

20 Jahre Anne Frank Zentrum

Patrick Siegele: „Anne Frank berührt mich immer wieder“ © Anne Frank Zentrum

Das Anne Frank Zentrum in Berlin besteht 2014 seit 20 Jahren. Patrick Siegele, der neue Direktor, erzählt in diesem Interview, was für seine Arbeit wichtig ist und wie seine persönliche Geschichte sein Denken und Handeln beeinflusst. Ein wichtiges Motto seiner Großmutter beherzigt er nach wie vor: „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.“ Patrick wurde 1974 in Österreich geboren, in Zams in Tirol.

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Was hast du von zu Hause für dein Leben mitbekommen?

Ich hatte das große Glück, in einem Mehrgenerationenhaus aufzuwachsen. Meine Großmutter hat in unserem Haus zusammen mit uns gewohnt, und das fand ich eine sehr prägende Erfahrung, weil sie mich unter anderem gelehrt hat, Respekt auch vor dem Alter und vor älteren Menschen zu haben, das ist etwas Wichtiges. Und ich bin sehr katholisch sozialisiert – das war nicht immer nur schön, also das ist auch sehr stark geprägt von Ängsten und schlechtem Gewissen und vielen Verboten –, aber ich würde behaupten, dass ich dadurch auch ein sehr humanistisches Weltbild mitbekommen habe und dass meine Eltern auf alle Fälle diese katholische Nächstenliebe, die es gibt, auch wirklich vorgelebt haben. Sie waren Menschen, die sich immer für andere eingesetzt haben und die immer darauf bedacht waren, mit anderen in gutem freundschaftlichem Verhältnis zu leben, sich unter Nachbarn und Verwandten usw. gegenseitig zu unterstützen, also das sind für mich prägende Werte. Und auch eine gewisse Bescheidenheit, also sich nicht so wichtig zu nehmen und sich manchmal auch zurückzuhalten und mehr zuzuhören, als immer alles zu wissen.

„Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.“

Ein Lebensmotto, an das ich mich ganz konkret erinnern kann, kam von meiner Oma, und an diesen Satz muss ich wirklich öfter denken. In Situationen, in denen es darauf ankam, nicht zu zögern, sondern zu handeln, hat sie gesagt: „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben." Sie selbst war eine sehr couragierte Frau. Bei jedem Problem, das es gab, hat man sie geholt, ob nun ein Kind auf die Welt kam oder ein Kälblein – wenn sich Schwierigkeiten andeuteten, hieß es immer: Holt mal die Paulina, die traut sich dann auch, etwas zu tun oder zu entscheiden oder kann einen Rat geben. Diese Devise hat sie immer gelebt – also sich nie zu fürchten und zu denken, O Gott, ich kann das nicht, sondern einfach etwas zu tun.

Was motiviert dich für deine Arbeit?

Ich kann das nicht datieren, dass es einen bestimmten Moment gab, aber ich hatte ein für Jugendliche sehr typisches Gerechtigkeitsempfinden. Als Kind und als Jugendlicher fand ich einfach sehr viele Sachen so himmelschreiend ungerecht, vielleicht ohne es politisch bis ins Tiefste zu hinterfragen, aber dieser Umstand, dass sich Österreich nie um seine jüdischen Opfer gekümmert hat, darüber war ich so empört und auch zutiefst erschüttert und berührt, dass ich mir sagte, so kann es einfach nicht sein. Ich muss schauen, was ich dazu beitragen kann, dass sich das ändert, auch wenn es nur wenig ist. Dieses Grundgefühl, das hat sich zum Glück bis heute gehalten.

Konkrete Arbeit mit den Zeitzeugen

Eine meiner wichtigsten Triebfedern ist auch meine ganz konkrete Arbeit mit Zeitzeugen. Immer wieder, wenn ich mit Zeitzeugen zu tun habe, weiß ich ganz genau, wieso ich diese Arbeit mache. Natürlich weiß ich das auch sonst, aber das ist für mich das wichtigste Feedback. Wenn ich jetzt 70 Jahre später den Opfern, die ihre Familien und alles verloren haben, auf meine ganz kleine bescheidene Art und Weise etwas zurückgeben kann – einfach nur, indem ich ihre Geschichten höre und anerkenne und dazu beitrage, dass sie damit auch Gehör finden und Schüler diese Geschichten erfahren oder wenn wir eine Ausstellung dazu machen und etwas publizieren –, dann sehe ich, wie wichtig das den Überlebenden ist. Das ist für mich immer wieder der Moment, wo ich dasitze und sage: Genau deswegen mache ich das alles. Und das wird schon spannend und herausfordernd, wenn in zehn Jahren nur noch sehr wenige bis keine Überlebenden mehr da sind.

Was ist für dich das beste Buch, speziell auch mit Vorbildern für deine Arbeit?

Das finde ich ganz schwierig, sprechen wir nun über Kinderbücher, über Romane oder über Sachbücher? Also ein Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe und wirklich sehr gut fand, ist Jureks Erben von Katarina Bader. Dieses Buch hat mich nachhaltig beeindruckt, weil ich sehr viel mit Zeitzeugen arbeite. Es geht hier um einen polnischen Überlebenden von Auschwitz und die Freundschaft zwischen der Autorin und ihm. Und es geht zugleich darum, wie sie seine Geschichte erzählt, aber dabei auch erzählt, wie Geschichtsnarrative entstehen. Also wie er seine persönliche Geschichte erzählt und wie die Autorin das mit ihren eigenen Recherchen und mit anderen Gesprächen verbindet. Deshalb ist es auch für Historiker und vor allem für Geschichtsdidaktiker ein sehr spannendes Buch, denn sie schafft es zu zeigen, wie Geschichten durch die Nacherzählung konstruiert werden. Aber auch, wenn sich herausstellt, dass es da Lücken gibt oder Dinge, die er so erzählt, wie sie vielleicht faktisch nicht passieren konnten, ist es immer sehr würdevoll den Zeitzeugen gegenüber und sehr empathisch.

Als Kind und Jugendlicher waren u.a. die Bücher von Christine Nöstlinger für mich prägend mit ihren widerspenstigen Figuren, die gegen den Mainstream gebürstet waren. Ich glaube fast behaupten zu können, dass ich alles von ihr gelesen habe.

Wie bist du zum Anne Frank Zentrum gekommen und wie ist es nun für dich, Direktor zu sein?

Ich habe als Zivildienstleistender angefangen, war dann Referent und später Abteilungsleiter; und dann war ich stellvertretender Direktor, es ging also stufenweise. Sicherlich ist es noch mal eine andere Liga, ob man Bereichsleiter ist oder eben jetzt wirklich Direktor und Geschäftsführer. Ich habe sehr viel positives Feedback bekommen und ich spüre auch jetzt viel Unterstützung und Rückhalt im Team.

© Bianca Ely

Wie wichtig ist es, von Berlin aus zu arbeiten?

Ich empfinde es als ein Riesenprivileg, in Berlin arbeiten zu können. Das merken wir auch immer wieder im Kontakt mit anderen Partnern in Deutschland: Diese Nähe zur Politik, zu den Stiftungen, die Nähe überhaupt zu allen Entscheidungsträgern, das ist so wertvoll. Wenn ich ein Projekt mit dem Ministerium für Jugend umsetzen will oder mit der Bundeszentrale für politische Bildung oder mit der Mercator-Stiftung, dann kann ich da anrufen und dann einfach einmal vorbeigehen. Dieser persönliche Kontakt ist sehr wichtig. Und in Berlin kann man ja im Prinzip jeden Abend auf eine themenrelevante Veranstaltung gehen und ist dadurch nicht nur politisch – also dass man auf dem kurzen Wege Dinge besprechen kann –, sondern auch fachlich unglaublich gut vernetzt. Wir werden in Berlin auch immer beneidet um diese vielen Fachforen, die es gibt und in denen wir als Anne Frank Zentrum Mitglied sind, um uns auch fachlich weiterzuentwickeln. Ich bin zum Beispiel in der Task Force on Education against Antisemitism beim American Jewish Committee in Berlin, wo sich regelmäßig Vertreter von Institutionen treffen, um sich über Konzepte zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus auszutauschen. Also man lernt ständig auch andere Projekte kennen, wird dadurch inspiriert, entwickelt sich weiter, bildet Kooperationen, was ja ganz wichtig ist – nicht alle müssen das Rad immer wieder neu erfinden. Manchmal kann man einfach auch auf andere Partner verweisen, wir sind hier im Landesverband der Berliner Museen, wir sind in dem Arbeitskreis zum Thema Historisches Lernen und Menschenrechte, wir sind hier beim Arbeitskreis Deutscher Bildungsstätten organisiert, wo wir in der Jugendbildungskommission sind und in der Kommission für internationale Bildungsarbeit, usw.

Stadt für die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, den Nationalsozialismus und den Holocaust

Der Großteil dieser Dinge spielt sich in Berlin ab, das muss man einfach so sagen, von daher empfinde ich unseren Standort wirklich als Privileg. Das merke ich auch immer, wenn ich bundesweit mit Kolleginnen und Kollegen spreche, die in kleinen Städten tätig sind und nicht solche Möglichkeiten haben, sich auszutauschen. Und dann ist Berlin natürlich wichtig als – ich würde sagen – wenn es die zentrale Stadt für die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, den Nationalsozialismus und den Holocaust gibt, dann ist das Berlin. Nirgendwo auf der Welt bündeln sich so viele Museen, Gedenkstätten, Erinnerungsinitiativen wie hier in Berlin. Das bedeutet zwar einerseits auch eine enorme „Konkurrenz", aber ich empfinde es in erster Linie als gegenseitige Bereicherung, und dadurch ist Berlin einfach auch international ein Anlaufpunkt für diese ganz grundsätzliche Frage der Erinnerungskultur und der Auseinandersetzung mit Geschichte geworden. Gruppen aus Ländern wie Kambodscha, Argentinien, Chile und sonst wo kommen hierher, um am Beispiel von Berlin zu sehen, wie geht eine Stadt, wie geht ein Land mit seiner Vergangenheit um. Und da sind wir auch oft ein Teil von umfangreicheren Programmen – zum Beispiel des Goethe-Instituts, das uns in seine Lehrerprogramme einbezieht.

Und dann gibt es noch einen anderen Faktor, wirklich auch ein Standortfaktor: Wir merken in unseren internationalen Projekten, die wir mit dem Anne Frank Haus Amsterdam machen, dass die Stadt einen hohen Attraktivitätswert hat. Manche Teilnehmer kommen schon allein deswegen, weil sie nach Berlin wollen. Das ist manchmal schon ein bisschen absurd – wir haben das auch bei unserer Jugendkonferenz letztes Jahr im September gemerkt, als wir Jugendliche aus 9 Ländern eingeladen haben. Nach Berlin wollen alle kommen.

 

Was bedeutet Anne Frank für dich?

Das meine ich ganz ehrlich: Dass sie mich immer wieder berührt und immer wieder überrascht. Ich habe erst den Film gesehen, das weiß ich noch, da war ich noch ziemlich jung, ich glaube, elf, zwölf. Danach habe ich das Tagebuch gelesen, da war ich, glaube ich, so dreizehn, und dann habe ich es noch einmal gelesen, als klar wurde, dass ich zum Anne Frank Zentrum komme. Wenn ich jetzt hineinschaue, bleibe ich immer wieder hängen, und ich bin immer wieder auch beeindruckt von der Tiefe ihrer Gedanken, wie Otto Frank es ausdrückte. Letzte Woche, als wir den Festakt hatten zum 12. Juni, hat die Schauspielerin Pegah Ferydoni Auszüge aus dem Tagebuch gelesen und auch aus den Kurzgeschichten, u.a. diese Geschichte vom Kartoffelschälen. Das ist so rührend einfach, auch wie sie beobachtet hat und wie toll sie schrieb und auch ihr Humor, es ist einfach immer wieder schön. Es ist ein Geschenk, dass wir diese Quelle haben, dieses Tagebuch. Dadurch ist sie immer wieder ganz nah. Zugleich versuche ich aber auch, ein professionelles Verhältnis mit einer notwendigen Distanz zu der Person Anne Frank zu haben. Also ich will nicht weiter zu dieser Mythosbildung beitragen. Ich finde es auch immer wieder wichtig zu sehen, dass Anne Frank bei all dem Talent und all dem, was an ihr besonders ist, ein ganz normales Mädchen war. Und ich stelle immer wieder die Frage: Wieso musste sie sterben, wieso gab es keine Gesellschaft, die es geschafft hat, ihr Leben zu retten. Auch deswegen beschäftigen wir uns ja mit Anne Frank, wir beschäftigen uns ja nicht nur mit ihr als talentiertes Mädchen, das eine Schriftstellerin war, sondern wir beschäftigen uns mit ihr und ihrer Geschichte, weil wir die Politik, die Gesellschaft verstehen wollen - letztendlich geht es immer wieder um die Frage: Warum musste Anne Frank sterben? Welche Verantwortung trägt auch jeder Einzelne dafür?

Es geht also auch darum, sie nicht auf diesen Sockel zu stellen. Wir haben ja auch ganz viel mit Leuten zu tun, die wirklich überhaupt keine Distanz zu ihr haben und wo es eine komplette Überidentifikation gibt; das finde ich auch problematisch. Und wenn ich mich zu sehr mit ihr als Opfer identifiziere, dann mache ich es mir vielleicht auch zu leicht.

Das ist auch so ein Moment in der Anne-Frank-Rezeption, das es immer wieder gibt – man vergisst dann auch die kritische Selbstreflektion, identifiziert sich mit dem Opfer, sieht sich selbst sozusagen auch nur als potenzielles Opfer und blendet die Anteile in seiner Persönlichkeit aus, die einen Menschen vielleicht nicht zum Täter, aber eben auch zumindest zum Zuschauer oder Mitläufer machen. Es geht also darum, ihre Geschichte immer wieder zu kontextualisieren, und das zieht sich ja auch wie ein roter Faden durch die Arbeit des Anne Frank Hauses und des Anne Frank Zentrums: Wie kann man ihre Gedanken auch in der Zeit, in der sie gelebt hat, einordnen und verstehen.

Wie wichtig ist das Anne Frank Haus in Amsterdam für dich?

Ich empfinde es als ein Privileg, Teil dieser internationalen Gemeinschaft zu sein und immer wieder auch Impulse aus den Niederlanden zu bekommen. Die Zusammenarbeit ist sehr fruchtbar, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind und geschichtsdidaktisch manches auch anders machen würden, da wir in einigen Dingen einen anderen Ansatz haben.

Deutschland hat ja eine ziemlich versierte geschichtsdidaktische Debatte - das wichtigste Ziel der modernen Geschichtsdidaktik ist die Förderung eines kritischen Geschichtsbewusstseins. So steht es auch mittlerweile in vielen Rahmenplänen. Deshalb sind wir manchmal ein bisschen unzufrieden, wenn Materialien entwickelt werden, die zu sehr in die Richtung gehen, nur Faktenwissen abzufragen und Arbeitsbögen auszufüllen. Es gibt manchmal zu wenig Aufgabenstellungen, wo es darum geht, Quellen kritisch zu hinterfragen oder miteinander zu vergleichen oder noch mehr zum Nachdenken anzuregen. Ein ganz tolles Beispiel für sehr gelungenes Material finde ich die neuen Materialien zum Baupaket. Darin wird das Tagebuch als Quelle benutzt, um sich dem Hinterhaus anzunähern, und es findet eine kritische Auseinandersetzung auch mit der Quelle statt – also das, was Anne Frank beschrieben hat, wird auch mit anderen Selbstzeugnissen der Untergetauchten und der Helfer verglichen – das ist sehr schönes Material.

Was ist bis heute die wichtigste Leistung des AFZ?

Es ist schon eine Erfolgsgeschichte, das aus diesem kleinen Verein, der 1994 in Berlin angefangen hat, eine Organisation wurde, die deutschlandweit bekannt und anerkannt ist. Das muss man wirklich sagen. Mittlerweile geht die Zahl der Ausstellungsprojekte, die wir deutschlandweit umgesetzt haben, in die Hunderte. Wir sind halt auch an die Orte und in die Regionen in Deutschland gegangen, wo viele nicht hingegangen sind. Und das ist wirklich eine ganz große Leistung, die man auch Thomas Heppener verdanken muss. Selbst in Ostdeutschland aufgewachsen und sozialisiert, war er, glaube ich, besonders sensibel dafür, zu sagen: Hier in der Großstadt zu diesen Themen zu arbeiten ist relativ leicht, das machen viele, hier wird man auf keine großen Widerstände treffen, aber diese Arbeit dann in Mecklenburg-Vorpommern, etwa in Wolgast zu machen, wo die Neonazis regelmäßig auf dem Dorfplatz aufmarschierten und wir auch regelmäßig attackiert wurden, das alles sei eine große Lüge und eine „jüdische Weltverschwörung", also dahin zu gehen, das ist die große Herausforderung, und wir wollen damit auch weitermachen. Es ist wirklich auch gelungen, das weiß ich aus eigenen Erfahrungen, dass die Netzwerke, die im Rahmen von so einem Anne-Frank-Ausstellungsprojekt sind vor Ort entstanden, weitergewirkt haben. Jugendliche, die sich engagiert haben, sind weiter drangeblieben, oder durch die Beschäftigung mit Anne Frank und ihrer Geschichte haben Leute angefangen, darüber nachzudenken, was in ihrer Stadt passiert ist, und daraus sind dann auch Gedenk- und Erinnerungsprojekte entstanden. Auch das ist für mich bis heute ein ganz wichtiger Antrieb und ein ganz wichtiges Ziel, das wir verfolgen sollten.