© Privécollectie Hélène Egger
Hélène Egger – „Von Julius bekamen wir aus der Hollandsche Schouwburg ein paar Postkarten”
„1942 bekamen die jüdischen Männer und Jungen ab achtzehn erstmals den Befehl, in speziellen Lagern für die Deutschen zu arbeiten. Niemand wusste, was mit ihnen passieren würde. Später erst. Mein ältester Bruder Daniël gehörte zu den allerersten, die gehen mussten. Ich sehe seinen Rucksack noch da stehen.
Nachdem Daniël fort war, sagte Julius, er wolle seinem Bruder hinterherfahren. Doch er war noch gar nicht aufgerufen worden. Er war anderthalb Jahre jünger. Meine Großeltern haben alles getan, um ihn davon abzubringen. Doch man konnte nicht mit ihm reden. Er wollte nicht, dass sein älterer Bruder alleine war. Ehrlich gesagt, denke ich, dass er das Ganze, abenteuerlustig, wie er war, auch ein wenig spannend fand. Außerdem war auch für ihn das Leben bei Opa und Oma todlangweilig. Vielleicht betrachtete er es als Chance, der Enge zu entfliehen. Daniël war ein paar Monate weg, als Julius sagte: ‚Ich fahre ihm nach.’ Und das tat er.
Julius ging zur Hollandsche Schouwburg, einem Theater in der Plantage Middenlaan, wo alle jüdischen Menschen von den Deutschen hingebracht und gefangen gehalten wurden. Nach ein paar Tagen wurden sie nachts mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof gefahren und von dort mit dem Zug in das Lager Westerbork weitertransportiert. So erging es auch Julius. In Westerbork sah er Daniël wieder. Zusammen wurden sie später mit dem Zug nach Auschwitz in Polen gebracht. Das war ein Vernichtungslager. Niemand wusste von der Existenz solcher Lager.
Von Julius bekamen wir aus der Hollandsche Schouwburg ein paar Postkarten, die er mit Bleistift hatte schreiben können. Von Daniël kam ein einziger Brief aus Westerbork. Die Karten und der Brief haben den Krieg überstanden. Mein Opa hat sie aufbewahrt. Erst konnte ich sie nicht lesen, ich brachte es nicht über mich. Bis vor einiger Zeit. Da habe ich sie hervorgeholt. Julius schreibt: Hier ist es chaotisch und schmutzig, ständig schreien und kreischen Babys, und alles geht drunter und drüber. Ein großer Dreckstall … heute Nacht kein Auge zugemacht … niedergeschlagen.

Aber unter jede Karte schrieb er: Kopf hoch, verzagt nicht, wir fahren nur kurz weg, wir müssen nur eine Weile arbeiten, und schon bald sind wir wieder zurück. Er wollte uns beruhigen. Ich habe mich später oft gefragt, ob meine Brüder spürten, dass ihnen etwas Schreckliches bevorstand.”
Quelle: Fragment aus Ik ben er nog. Het verhaal van mijn moeder Hélène Egger. Abdruck mit Genehmigung von Debby Petter (Autor) und Thomas Rap Verlag. Übersetzung von Gregor Seferens.
Hélène Egger
Hélène Egger ist zehn, als die Niederlande 1940 von Deutschland besetzt werden. Da sich ihre Mutter einer schweren Operation unterziehen muss, lebt sie bei ihren Großeltern. Sie wird festgenommen, aber es gelingt ihrem Großvater dank seiner Beziehungen zum „Judenrat“, sie aus der Hollandsche Schouwburg zu befreien. Sie taucht unter und findet schließlich bei einer Bauernfamilie in Brabant einen Unterschlupf.
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