Hélène Egger – „Ich kam von der Hölle in den Himmel”
Mitglieder der Widerstandsbewegung warnen Hélène und ihre Großeltern, dass sie schnell verschwinden müssen:
„Das bedeutete Hals über Kopf zu einem anderen Unterschlupf. Opa und Oma blieben in Amsterdam; ich wurde von einem fremden Mann zu einer Familie in Vught gebracht.
Es ging mir immer schlechter. Ich war in zu vielen unterschiedlichen Verstecken gewesen. Mein Kopf war voller Trauer. Ich hatte alle verloren. Oft stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn mein Vater und meine Brüder Daniël und Julius wieder da wären, wenn Opa wieder Scherze machen und Oma wieder lachen würde, wenn wir alle zusammen Musik hören und Fischklößchen essen würden. Die Fischklößchen meiner Mutter. Manchmal träumte ich sie mir wieder herbei, ich träumte mir alles herbei. Dann wohnten wir wieder in Zandvoort. Eine ganz normale glückliche Familie. Meine Eltern nicht geschieden, meine Mutter nicht krank und kein Krieg.
Als ich aus Rotterdam wieder weg musste, ließ mich das vollkommen gleichgültig. Mit dem Kopf voller Bilder von meinen Verwandten in diesem Mansardenzimmer, die verbrauchte Luft noch in der Nase, saß ich neben Tante Greet im Zug. Ich hatte keine Sachen mehr. Nur noch das Kleid, das ich anhatte, und das war total verschlissen.
Die Fahrt dauerte sehr lange. Ich durfte im Zug nicht reden. Unterwegs stieg noch ein junger Bursche zu. Auch er nannte die Frau Tante Greet. Im Bahnhof von Veghel in Nordbrabant stiegen wir aus. Tante Greet erzählte mir, dass wir auf dem Weg nach Vorstenbosch wären. Von dem Ort hatte ich noch nie gehört. Wir mussten zu Fuß gehen, denn es fuhren keine Busse. Beim ersten Bauernhof, an dem wir vorbeikamen, haben wir den jungen Mann abgeliefert. Er tauchte dort unter. Er war kein jüdischer Flüchtling, sondern ein Bursche, der nicht zum Arbeiten nach Deutschland wollte, und auch dann war man in Gefahr. Der Bauer gab uns Tee und ein Butterbrot. Ein richtiges Butterbrot. So etwas Leckeres hatte ich seit langem nicht gegessen.
Ich kam von der Hölle in den Himmel. Ich wurde in dieser armen katholischen Familie so herzlich aufgenommen, dass ich mich sofort zuhause fühlte.
Der nächste Tag war ein Sonntag, und ich durfte sofort mit in die Kirche. Zum ersten Mal seit langem konnte ich ungefährdet nach draußen. Im ganzen Dorf gab es nicht einen NSBer.
Trotzdem wusste außer dem Vater und der Mutter niemand, dass ich ein jüdisches Mädchen war. Es wäre viel zu gefährlich gewesen, dies zu erzählen. Es musste nur einer mit den Deutschen sympathisieren, und schon war man verraten. Im Dorf erzählten sie, ich sei eine Nichte aus Rotterdam. Ich war aufs platte Land gekommen, um aufgepäppelt zu werden. Das fand niemand merkwürdig. Trotz meiner schwarzen Haare fiel ich in dieser Familie überhaupt nicht als Fremde auf.”
Quelle: Fragment aus Ik ben er nog. Het verhaal van mijn moeder Hélène Egger. Abdruck mit Genehmigung von Debby Petter (Autor) und Thomas Rap Verlag. Übersetzung von Gregor Seferens.
Hélène Egger
Hélène Egger ist zehn, als die Niederlande 1940 von Deutschland besetzt werden. Da sich ihre Mutter einer schweren Operation unterziehen muss, lebt sie bei ihren Großeltern. Sie wird festgenommen, aber es gelingt ihrem Großvater dank seiner Beziehungen zum „Judenrat“, sie aus der Hollandsche Schouwburg zu befreien. Sie taucht unter und findet schließlich bei einer Bauernfamilie in Brabant einen Unterschlupf.
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