© Beeldbank WO2 / Verzetsmuseum Amsterdam / Sem Presser/J. de Jong
Nol Escher – „Schlange stehen, immerzu Schlange stehen … vor allem vor der Garküche“
„Schlange stehen, immerzu Schlange stehen. Überall sieht man die Leute anstehen. Für Brot (nur dienstags, donnerstags und samstags), für ein Büschel Radieschen bei van Zanten in der Maasstraat, für Magermilch, und vor allem vor der Garküche. Unsere Garküche steht auf der Wiese in der Grünanlage. Vom Fenster aus kann ich alles sehen. Erst sehe ich drei oder vier Leute. Eine halbe Stunde später sind es zwanzig, und das bedeutet, dass ich in ungefähr zwanzig Minuten das Haus verlasse, denn dann kommt bestimmt der Handkarren. Oder auch nicht. Geht man zu früh los, steht man zu lange an, aber geht man zu spät los, steht man auch zu lange an. Ich stehe mit den Töpfen in der Hand in der Schlange. Ab und zu schieben wir uns jetzt ein Stück voran.
Die Frau, die vor mir steht, stand gerade noch hinter mir. Und der alte Mann mit der komischen Mütze auch. Verdammt, ich passe nicht gut genug auf. Immer gleich aufrücken. Aber es ist so unangenehm, fast am Rücken der Person vor einem zu kleben. Die Suppenverteiler kommen in Sicht. Ich greife in meine Hosentasche, halte die acht Knipskarten fest in der Hand. Da kommt ein Mann mit einem vollen Topf vorbei. ‚Was gibt’s heute?’, fragt ihn jemand.
‚Wasser mit ´n bisschen Farbe’, antwortet er grinsend. Noch vier Leute vor mir. Ich bin gleich an der Reihe. Jetzt kann sich keiner mehr vordrängen. Ich höre, wie die große eiserne Suppenkelle über den Boden kratzt. Als ich meinen Topf hinhalte, sagt der Suppenverteiler: ,Es ist alle.’ Ich gehe nach Hause. Die Schraube in meinem Magen wird wieder angezogen.“
Quelle: Fragment aus Nol Escher: Trompetten in de verte: een novelle, herausgegeben von Emilie Escher, Tochter des Autors Nol Escher
Nol Escher
Nol Escher ist acht, als die Niederlande besetzt werden. Die Menschen, die an der Küste leben, müssen ihre Wohnorte verlassen. Die Familie Escher zieht von Bentveld, einem Dorf in den Dünen bei Zandvoort, nach Amsterdam. Weihnachten 1942 beziehen sie eine Wohnung an der Noorder Amstellaan 190, in der zuvor Juden gewohnt haben. Im Juni 1945 kehrt die Familie Escher nach Bentveld zurück.
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