Boris Kowadlo – Die „Verhöhnungs-Stunde“
Boris bekommt einen Brief von seinem Bruder Artsie, der in das nun sowjetische Bialystok geflohen ist. Artsie berichtet unter anderem von der sogenannten „Verhöhnungs-Stunde“ im von Deutschland besetzten Polen:
„Dann holten sie alle frommen Juden aus den Synagogen und Gebetshäusern, und sie mussten dann, mit Tallit und Tefillin, durch die Straßen tanzen. Und die Schufte schlugen sie mit Knüppeln und Gewehren, wenn sie nicht taten, was sie wollten.
Auch unseren lieben Vater, den alten Mann, der in der Stadt so angesehen war, schlugen und folterten sie. Mein Bruder schrieb, dass ihm fast das Herz brach vor Kummer, aber er konnte nichts dagegen tun und musste mitansehen, wie sie unseren geachteten Vater schlugen.
‚Wenn ich auf die Straße ging’, schrieb er, ‚musste ich die Schufte grüßen. Und wenn ich das nicht tat, spuckten sie mir ins Gesicht und ohrfeigten mich. Juden durften nicht auf dem Bürgersteig gehen. Ich hielt es nicht mehr aus’, schreibt mein Bruder, ‚und ich ging mit Mischa fort nach Bialystok.’“
Nach diesem Brief hat Boris nie mehr von seinem Bruder gehört.
Quelle: Bernadette van Woerkom: Boris Kowadlo. Fotograaf tussen herinnering en toekomst. Aus dem Jiddischen von Ariane Zwiers.
Boris Kowadlo
Der polnische Jude Boris Kowadlo kommt in den dreißiger Jahren in die Niederlande. Wegen der Wirtschaftskrise findet er als Fotograf kaum Arbeit. In der Besatzungszeit taucht er unter, und in den letzten Monaten vor der Befreiung ist er für die Untergrundorganisation „De Ondergedoken Camera“ (Die Untergetauchte Kamera) aktiv. Nach dem Krieg setzt Kowadlo mit einer beeindruckenden Fotoserie die Verwüstungen im jüdischen Viertel ins Bild.
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