Spendensammlung

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Übersetzte Transkription einer Sendung des niederländischen Rundfunksenders AVRO über die Sammlung von 55.000 Gulden für die Restaurierung des Anne Frank Hauses. Die Moderatoren und ehrenamtlichen Helfer der Sendung wollen die 60.000 Gulden sammeln, die nötig sind, um das Museum ein Jahr lang offen zu halten, während sich das Anne Frank Haus um weitere Mittel bemüht. Otto Frank nimmt telefonisch teil.

Van Harte (Von Herzen) 

„Van harte“. 1 ¼ Stunde Livesendung, um eine gute Sache zu unterstützen. Wenn Sie bereit sind, zuzuhören!

Nächste Woche gedenken wir der Tatsache, dass vor 25 Jahren der Krieg endete und die Niederlande befreit wurden. In jeder Zeitung und Illustrierten, im Fernsehen und im Radio werden wir an das Frühjahr 1945 erinnert, das eine völlige Wende zu bringen schien. Es sollte besser werden, in jeder Hinsicht. Wir hatten gelernt. Wir hatten begriffen. Wir hatten letzten Endes auch dafür bezahlt.

„Herr Frank hat für das Anne Frank Haus sehr viel getan. Als erstes hat er dafür gesorgt, dass wir immer dann, wenn wir in Amsterdam in Schwierigkeiten waren, vom Anne Frank-Fonds in Basel einen Zuschuss bekamen. Der Anne Frank-Fonds ist der Fonds, in den alle Tantiemen aus dem weltweit in 47 Sprachen erschienenen  Tagebuch fließen. Und mit den Zinsen dieses Kapitals werden verschiedene Institutionen in der Welt finanziert, die unter dem Namen von Anne Frank oder in ihrem Geist tätig sind. Herr Frank steht dabei zusammen mit der Verwaltung des Fonds auf dem Standpunkt, dass das Geld nicht ausschließlich nach Amsterdam fließen darf. Da das Buch in die Sprachen so vieler Länder übersetzt wurde, müssen die Einnahmen auch über die ganze Welt verteilt werden.“ 

„Und was ist mit den direkten Einnahmen?“

„Die Einnahmen des Anne Frank Hauses bestehen in erster Linie aus den Spenden der Besucher. Eine nicht unbeträchtliche Summe. Im vergangenen Jahr waren es durchschnittlich 58,5 Cent pro Besucher. Das ist nicht gerade wenig, finden wir, denn wie Sie wissen, ist der Eintritt frei. Außerdem bekommen wir von der Stadt Amsterdam einen Zuschuss von 10.000 Gulden pro Jahr, um das Hinterhaus instand zu halten.“ 

„Und Sie bekommen nichts vom Ministerium?

„Nein, vom Staat nicht. Es ist kein Museum, es werden ja keine Kunstgegenstände gezeigt, heißt es in Den Haag. Und das war bisher das Kriterium für CRM [Ministerium für „Kultur, Erholung und Gesellschaftliche Bildung”].“ 

„Und die Hauptstadt der Niederlande gibt 10.000 Gulden?“

„10.000 Gulden, ja.“

1944 finden Elly und Miep im Hinterhaus ein Tagebuch. Der Krieg ist noch in vollem Gange. Der Hungerwinter steht noch bevor.

Bep Voskuijl: „Im August 44 wurden die Menschen aus dem Hinterhaus abgeholt. Und nach einer Weile, vielleicht einen Monat später, ich weiß nicht genau, 14 Tage, ich, das weiß ich nicht mehr genau, ja, dann, dann haben wir es gefunden, Dinge im Anne Frank Haus, im, ja, in den Büros eigentlich, es hieß damals natürlich noch gar nicht Anne Frank Haus. 

„Aber … wie sah das Tagebuch aus?“

Bep Voskuijl: „Das Tagebuch sah aus, ja, es war also ein richtiges Tagebuch, das erste Ding, und der Rest, das waren alles Hefte, und dann auch noch die losen Blätter, denn später konnten wir so ein Tagebuch nicht mehr kriegen, im Krieg. Das allererste Buch war, glaube ich, ein Tagebuch. Also ein richtiges, so in der Form von einem Tagebuch.“

„War Ihnen sofort klar, dass es einem Kind gehörte?“ 

Bep Voskuijl: „Ja, das war uns klar, wir wussten ja, dass Anne ein Tagebuch geführt hat. Denn da kam, also da durfte niemand drangehen, und na ja, sie saß da und schrieb. Also das hat sie immer geführt, das wussten wir also eigentlich, dass sie da saß und schrieb.“

Anne Frank wird ermordet. Als ein Mensch von Millionen, natürlich, aber durch ihr Tagebuch erinnert sie die Lebenden an einen unmenschlichen Krieg, einen bestialischen Feind. Durch ihr Tagebuch und durch das Hinterhaus, denn das lebt! 

„Mich persönlich beschäftigt immer wieder von Neuem der Gedanke an ein Kind, ein jüdisches Mädchen, wie so viele Schüler, die ich hatte, die irgendwann in der Zeit ihrer Gefangenschaft und bevor die Vernichtung begann, über den Sinn all dessen nachdachte, was geschah. Es gibt nicht viele Kinder, die imstande sind, sich das zu vergegenwärtigen, was eigentlich geschehen ist. Dieses Kind hat es sich vergegenwärtigt. Und sie hat es so getan, dass ihre Stimme weiterhin erklingt, wie sich jetzt auch durch das Echo auf Anne Frank zeigt, sie erklingt weiterhin in der ganzen Welt, wieder und wieder. Und ich glaube, dass überall, wo irgendwo Menschen einsam und unterdrückt sind, diese Stimme von Neuem erklingt. Und das bedeutet es für mich, wenn ich hier stehe. Das sehe ich, wenn ich mir die Dokumentation hier anschaue, dann sehe ich eigentlich in dem, was geschehen ist, den Auftrag für diejenigen, die am Leben geblieben sind, dafür zu sorgen, dass es nie mehr geschieht, und ich glaube, dass die Menschen, die hierher kommen, das auch verstehen. Und wenn das geschieht und dann so viele Mitstreiter gegen eine solche Wiederholung gefunden und geschult werden, dann ist das doch von allergrößter Bedeutung.“

Rabbiner Soetendorp aus Amsterdam fasst unsere Gedanken in Worte. Das Hinterhaus ist kein totes Denkmal, sondern ein lebendiges Zeugnis. Wer ist sich dessen sicherer als Otto Frank, Annes Vater? 

„Für mich ist es eine Art Vermächtnis. Anne schrieb irgendwo in ihrem Tagebuch: ‚Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.’ Und sie hat auch geschrieben: ‚Wenn ich am Leben bleibe, will ich für die Menschheit arbeiten. Was kann ich jetzt tun?“ Sie verstehen, dass diese beiden Dinge für mich eigentlich die Basis sind, in Verbindung mit dem Anne Frank Haus.

Meine Damen und Herren, ich möchte wieder einmal an Sie appellieren. Ich bin wie Sie der Meinung, dass die Regierung für die Instandhaltung des Anne Frank Hauses aufkommen sollte. Nichts vom Ministerium und 10.000 Gulden pro Jahr von der Stadt, das erscheint uns bitter wenig für dieses Denkmal. Doch durch die bloße Feststellung ist niemandem geholfen. Das Anne Frank Haus muss in kürzester Frist restauriert werden. Wir müssen in den nächsten sechs Monaten damit anfangen, wenn die Tür geöffnet bleiben soll. Dafür wird ein Betrag von 60.000 Gulden benötigt. 

Ich fände es großartig, wenn wir es heute Abend gemeinsam schaffen würden, diese Summe zusammenzubringen. Aber auch mit 40.000 kann ein guter Anfang gemacht werden. 

Liebe Zuhörer, das Anne Frank Haus muss offen bleiben. Als Mahnung vor Diktatur, Unfreiheit, Diskriminierung, Terror. In einer Woche gedenken wir der Befreiung. Wir dürfen nicht vergessen. Die Älteren nicht, weil der Frühling 1945 mit den Plänen für eine bessere Welt auch ein Teil ihres Lebens war, die Jüngeren nicht, damit sie, was wir alle sehnlich erhoffen, von ähnlichem Irrsinn verschont bleiben. Eine Schließung des Anne Frank Hauses bedeutet einerseits eine Erinnerung, andererseits eine Mahnung. Haltet die Tür des Anne Frank Hauses offen! Ich bitte Sie, von jetzt bis halb 8 eine Summe von 60.000 Gulden zusammenzubringen, 60.000 Gulden! Helfen Sie bitte, zu verhindern, dass die Jahre 40-45 dem Schweigen anheimfallen, denn auch heute, 1970, ist noch eine Menge zu sagen. Hören Sie uns weiter zu und helfen Sie.