Vertiefung
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Die beiden Fassungen von Annes Tagebuch

Ab 20. Mai 1944 schrieb Anne einen großen Teil ihres Tagebuchs noch einmal neu. Sie wollte den überarbeiteten Text nach dem Krieg als Buch über ihre Zeit im Hinterhaus veröffentlichen. Als Titel schwebte ihr Het Achterhuis (Das Hinterhaus) vor. Welche auffallenden Unterschiede gibt es zwischen den beiden Fassungen?

Die Verliebtheit kühlt ab

In Het Achterhuis (Das Hinterhaus) hat Anne vieles von dem weggelassen, was sie vorher in ihr Tagebuch geschrieben hatte. Das auffallendste Beispiel dafür ist ihre Verliebtheit in Peter van Pels.

Am 19. März 1944 notiert Anne im Tagebuch, dass sie ein sehr vertrautes Gespräch mit Peter hatte: „Wir haben einander so viel erzählt, so schrecklich viel, das kann ich gar nicht alles wiederholen, aber es war toll, der schönste Abend, den ich je im Hinterhaus gehabt habe.“ In der überarbeiteten Fassung lässt sie diesen gesamten Tagebuchbrief weg.

In der Zeit, als Anne intensiv damit beschäftigt ist, das Tagebuch zu überarbeiten, hat sich ihr Gefühl der Verliebtheit stark abgekühlt und sie ist von Peter ein wenig enttäuscht. Er ist nicht der Freund geworden, den sie sich erhofft hatte.

‘[…] ich bin klüger geworden und Mutters Nerven haben sich etwas beruhigt.’

Milder gegenüber ihrer Mutter

Das Verhältnis zwischen Anne und ihrer Mutter ist problematisch. Sie haben unterschiedliche Charaktere und es kommt oft zu Konflikten. Doch im Hinterhaus können sie sich nicht aus dem Weg gehen. Im Tagebuch urteilt Anne oft hart über ihre Mutter. Wenn sie ihr Tagebuch durchblättert, erschrickt sie manchmal über diese harten Worte.

In der neuen Fassung ist Annes Urteil milder, und manche Passagen lässt sie ganz weg. Am 2. Januar 1944 schreibt Anne eine neue Passage für ihr geplantes Buch: „Die Zeit dass ich Mutter unter Tränen verurteilt habe ist vorbei, ich bin klüger geworden und Mutters Nerven haben sich etwas beruhigt. Ich halte meistens den Mund wenn ich mich ärgere und sie tt das ebenso und deshalb geht es augenscheinlich viel besser.“

Auch einen Tagebuchtext vom 6. Januar übernimmt sie nicht in die neue Fassung: „Ich habe das Bedürfnis, meine Mutter als ein Beispiel zu nehmen und Achtung vor ihr zu haben und meine Mutter ist in den meisten Dingen schon ein Beispiel für mich, aber gerade ein Beispiel wie ich es nicht machen soll.“

Weniger explizit über Sexualität

Die 15-jährige Anne blickt etwas verwundert auf das, was sie als 13-Jährige im Tagebuch über Sex und Sexualität notiert hat. Die meisten Hinweise und Passagen, die mit dem Thema zu tun haben, lässt sie in ihrer überarbeiteten Fassung weg. Im Tagebuch schreibt Anne mehrmals, dass sie ihre Periode hat, in Het Achterhuis (Das Hinterhaus) erwähnt sie es nicht.

Anne lässt auch Tagebuchbriefe mit späterem Datum, vom März 1944, ganz weg. In diesen Tagebuchbriefen geht es um ihre Gespräche mit Peter, über Sexualität und das, was sie sich darüber erzählen.

Entwicklung als Schriftstellerin

Manche Texte in der neuen Fassung unterscheiden sich von den ursprünglichen Tagebuchtexten, ohne dass ein genauer Grund dafür erkennbar ist. Höchstwahrscheinlich hat es damit zu tun, dass sich Anne zu einer literarischen Schriftstellerin entwickelte, die sich der Texte, die sie schrieb, sehr bewusst war.

Der Tag des Untertauchens

Ein Beispiel: Am 6. Juli 1942 geht Anne mit ihren Eltern in das Versteck. In Het Achterhuis (Das Hinterhaus) schreibt Anne: „So gingen wir dann im strömenden Regen, Vater, Mutter und ich, jeder mit einer Schul- und Einkaufstasche, bis obenhin vollgestopft mit den meisten durcheinanderliegenden Dingen. Die Arbeiter, die früh zu ihrer Arbeit gingen, schauten uns mitleidig nach; auf ihrem Gesicht war deutlich das Bedauern zu lesen dass sie uns keinerlei Fahrzeug anbieten konnten, der auffallende gelbe Stern sprach für sich selbt.” (Anne Fank, B-Fassung, 9. Juli 1942.)

In ihrem Tagebuch steht diese Passage nicht und die Arbeiter fehlen. Was Anne wohl im Tagebuch festhält, ist, dass ihre Mutter und sie jeder eine Schultasche dabei hatten.

Die große Frage bei dieser Passage ist, an welche Einzelheiten dieses Tages sich Anne Frank zwei Jahre später erinnert, als sie an ihrer Romanfassung arbeitet. Ob Anne die Arbeiter auch wirklich gesehen hat? Wie auch immer: Die neue Fassung ist viel anschaulicher.

Schilderung eines Bombenangriffs

Ein weiteres Beispiel: Am 29. März 1944 schreibt Anne über einen schweren Bombenangriff auf den Hafen von IJmuiden nördlich von Amsterdam. Die Untergetauchten müssen hilflos abwarten und hoffen, dass nicht über dem Hinterhaus versehentlich eine Bombe niedergeht.

Im Tagebuch schreibt Anne: „Auch wenn ich dir viel von uns erzähle trotzdem weißt du doch nur ein ganz kleines bisschen von unserem Leben. Wieviel Angst die Damen hier manchmal haben (z.B. am Sonntag als von 350 Maschinen 500.000 kg auf IJmuiden abgeworfen haben) wie die Häuser von den Bomben wanken (…).“

In Het Achterhuis (Das Hinterhaus) macht Anne daraus: „Auch wenn ich dir viel von uns erzähle, trotzdem weißt du doch nur ein ganz kleines bisschen von unserem Leben. Wie viel Angst die Damen habenwenn sie bombardieren, z.B. am Sonntag, als 350 englische Maschinen ½ Million Kilo Bomben auf IJmuiden abgeworfen haben, wie dann die Häuser zittern wie ein Grashalm im Wind (...).“

Die Tagebuchfassung und Het Achterhuis (Das Hinterhaus) unterscheiden sich in diesem Fall inhaltlich eigentlich nicht voneinander. Aber Anne hat stilistische Änderungen vorgenommen und so das Bild des Bombenangriffs verstärkt.

Ein Mädchen wird zur Schriftstellerin

Diese und ähnliche Unterschiede zwischen Annes ursprünglichem Text und ihrer Überarbeitung sind zahlreich, vor allem, wenn es um das erste halbe Jahr im Versteck geht, also die Zeit von Juli bis Dezember 1942. Diesen Teil hat die 15-jährige Anne besonders intensiv überarbeitet. Aus dem dreizehnjährigen Mädchen mit dem Tagebuch ist im Frühjahr 1944 eine echte Schriftstellerin geworden.