Die Befreiung ist nicht nur ein Anlass zum Feiern, sondern auch der Moment, Rache zu nehmen an Niederländern, die mit den Deutschen kollaboriert haben. Fünf Jahre der Demütigung, Verbitterung und des machtlosen Zuschauens entladen sich nun in Gewaltakten gegen Landsleute, die „fout“ – also auf der falschen Seite – waren, und gegen „Landesverräter“. Der Tag der Vergeltung ist gekommen.
NSB-Mitglieder und Kollaborateure werden aus ihren Wohnungen geholt, misshandelt, auf Wagen gehievt und durch die Straßen geführt. Am Straßenrand rufen die Menschen Beleidigungen und spucken nach ihnen. Frauen von NSB-Angehörigen und „moffenmeiden“ – junge Frauen, die eine Beziehung zu einem deutschen Soldaten hatten – werden kahl geschoren.
Viele Vergeltungsaktionen sind nicht koordiniert oder von den Behörden genehmigt. Manche Menschen tragen private Fehden auf diese Weise aus. Und manche Widerstandskämpfer werden zu Unrecht der Kollaboration beschuldigt, weil sie Kontakt mit Deutschen hatten, um an Informationen zu gelangen.
Insgesamt werden etwa 120.000 NSB-Leute und Kollaborateure verhaftet. Die Gefängnisse und Polizeiwachen sind schon bald überfüllt. Deshalb werden die Inhaftierten in Schulgebäuden, Fabriken und Lagerhallen eingesperrt. Auch die ehemaligen Konzentrationslager Westerbork und Vught dienen nun als Gefängnis.
Einem Teil der Inhaftierten wird später im Zuge der „Bijzondere Rechtspleging“ (Sondergerichtsbarkeit) der Prozess gemacht. Sie müssen sich vor Gerichten verantworten, die speziell für Verbrechen in der Besatzungszeit geschaffen wurden.