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Sprechchorprojekt kommt in andere Länder Europas

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23. September 2019 — Joram Verhoeven und Willem Wagenaar aus unserer Fachabteilung Bildungsprojekte berichten vom Sprechchorprojekt, das entwickelt wurde, um etwas gegen Antisemitismus in Fußballstadien zu unternehmen.

Champions League

Wie etliche Millionen anderer Fußballfans haben wir Ende August die Auslosung für die kommende Champions League verfolgt. Bei dieser Veranstaltung wurden auch eine Reihe wichtiger Auszeichnungen vergeben. „Unser“ Virgil van Dijk wurde zum Spieler des Jahres gewählt, „unser“ Frenkie de Jong zum besten Mittelfeldspieler der Saison. Doch unsere Überraschung war noch größer, als der deutsche Spitzenverein Borussia Dortmund vom UEFA-Präsidenten Čeferin die #EqualGame-Auszeichnung überreicht bekam mit den Worten: „Der Klub hat ein wichtiges Zeichen für andere Vereine in ganz Europa gesetzt, dem es nun zu folgen gilt.” Dass das der Realität entspricht, können wir bestätigen. Im Namen des Anne Frank Hauses werden wir uns zusammen mit Borussia Dortmund in den kommenden zwei Jahren genau dieser Aufgabe widmen.

Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz

Mit der jährlich vergebenen #EqualGame-Auszeichnung würdigt die UEFA Personen und Organisationen, die sich durch ihr gesellschaftliches Engagement auszeichnen. Borussia Dortmund erhielt den Preis für den ständigen sensibilisierenden Einsatz gegen Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz im Fußball. Dabei wurde der pädagogische Ansatz des Klubs gewürdigt, der die eigenen Fans einbezieht, um gegen diese Problematik anzugehen.

Gutes Beispiel animiert zur Nachahmung

Zurück ins Jahr 2015. Wir veranstalteten eine gut besuchte internationale Fußballkonferenz in der Johan Cruijff Arena zum Thema Antisemitismus im heutigen Profifußball. Vertreter von Vereinen, Fußballorganisationen, Fans, jüdischen Organisationen und andere sprachen über Möglichkeiten, gegen antisemitische Sprechchöre vorzugehen. Vertreter von Borussia Dortmund berichteten dort von ihren Initiativen im Rahmen der Bildungsarbeit für Fans. Diese Präsentation war für uns eine Inspirationsquelle, und so entstand auf der Konferenz die Idee für einen niederländischen Ansatz - ein Sprechchorprojekt. Der Rotterdamer Klub Feyenoord tat sich mit unserer Amsterdamer Institution zusammen, um nach dem Vorbild von Borussia Dortmund eine Strategie gegen antisemitische Sprechchöre zu entwickeln. Nicht viel später schloss sich auch der FC Utrecht dieser Initiative an.

Sprechchöre

Als regelmäßige Stadionbesucher*innen ist uns das Phänomen leider allzu bekannt. Mehrere niederländische Fußballklubs werden mit einiger Regelmäßigkeit von antisemitischen Sprechchören aufgeschreckt, die sich meist gegen Fans und Spieler von Ajax Amsterdam richten. Der AFC Ajax wird schon seit Jahrzehnten als ein „jüdischer“ Verein gesehen. Die Ajax-Fans bezeichnen sich selbst als „Superjuden“, haben den Begriff also positiv umbesetzt. Als Reaktion darauf skandieren rivalisierende Fußballfans Gesänge wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“. Obwohl diese Sprechchöre gegen Ajax-Fans gerichtet sind, sind sie selbstverständlich sehr schmerzhaft und verletzend für die niederländische jüdische Gemeinschaft. Außerdem sind solche antisemitischen Äußerungen schlichtweg strafbar.

Bildung als Mittel

Als eine Antwort auf diese Sprechchöre überlegten wir uns zusammen mit Feyenoord und dem FC Utrecht, den existierenden Ansatz der Sanktionen durch Geldstrafen und Stadionverbote mit einem pädagogischen Ansatz zu verbinden. Das eigentliche Ziel soll es ja sein, die Fans zu der Einsicht zu bewegen, dass ihr Verhalten nicht hinnehmbar ist und sie es deshalb unterlassen müssen. Und das tun Feyenoord und der FC Utrecht inzwischen, indem sie den auf diese Weise auffallenden Fans zeigen, dass sie mit solchen Sprechchören ihrem eigenen Klub und ihren Fankollegen schaden.

Loyalität

Wir haben zu diesem Zweck sowohl bei Feyenoord als auch beim FC Utrecht einen lokalen historischen Rundgang für diese Fangruppe konzipiert. Wichtigstes Element dieses Rundgangs ist die starke Loyalität der Fans für ihren Verein und ihre Stadt. Deshalb steht die Geschichte des Vereins und der Stadt im Mittelpunkt. Die Fans tauchen in die Geschichte ein und sehen, welchen riesigen Schaden der Zweite Weltkrieg und der Holocaust in ihrer Stadt und bei ihrem Verein angerichtet haben. Sie besuchen Mahnmale mit den Namen der Opfer und ehemalige Verstecke von Verfolgten. Sie begegnen jüdischen Fankollegen mit einer erschütternden persönlichen Geschichte, Personen, mit denen sie die Liebe zum selben Verein teilen und mit denen sie sich als Fußballfan identifizieren können. Bei diesen Begegnungen fällt gleich ins Auge, dass den Fans bewusst wird, was ihre Sprechchöre anrichten. Wie erleben immer wieder, dass Fans erschrecken, wenn sie erfahren, dass jüdische Fankollegen nicht mehr ins Stadion kommen wegen der Parolen, die sie rufen. „Auf einmal ist da ein Gesicht zu dem Juden, den du ‚ins Gas schickst‘. Und dann ist das auf einmal nicht mehr so spaßig.“

Verletzung

An einem der Workshops beim FC Utrecht nahm ein Fan teil, der sich ein grobes antisemitisches Lied ausgedacht hatte, das auf der Tribüne gesungen wird. Konfrontiert mit der Tatsache, welche Verletzung das Lied bei seinen jüdischen Fankollegen versursachte, wurde ihm bewusst, was er angerichtet hatte. Nach der Veranstaltung sahen wir, dass er zu seinem gut vierzig Jahre älteren jüdischen Fankollegen ging und ihn fragte: „Was kann ich tun, was für ein Lied soll ich schreiben, damit Sie wieder ins Stadion kommen?“

Wir gehen in andere Länder Europas

Wir möchten diesen vielversprechenden Ansatz gern weiterverbreiten und zu mehr Erfolg verhelfen. Im Mai erhielten wir die gute Nachricht, dass wir dank einer Förderung der Europäischen Kommission auch auf europäischer Ebene tätig werden können, zusammen mit Feyenoord und mit Borussia Dortmund. In diesem gemeinsamen Projekt möchten wir unsere Erfahrungen austauschen und unsere Kräfte bündeln, voneinander lernen und anderen Fußballklubs und -organisationen Wissen und Einsichten vermitteln.

Die Worte des UEFA-Präsidenten Čeferin sind uns ein Ansporn. Wir wollen die guten Erfahrungen mit diesen Projekten gegen antisemitische Sprechchöre in Europa verbreiten. So stay tuned!

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