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Made in Europe

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21. März 2019 — An diesem Internationalen Tag gegen Rassismus und Diskriminierung, einem von den Vereinten Nationen ausgerufenen Gedenk- und Aktionstag, erzählt Karen Polak, Projektkoordinatorin von Stories that Move, von dem kostenlosen Online-Tool, das das Anne Frank Haus entwickelt hat.

Stories that Move, dem kostenlosen Online-Tool um mit Schüler*innen über Antisemitismus, Rassismus und andere Formen von Diskriminierung ins Gespräch zu kommen steht seit Juni 2018 im Netz. Seitdem hat das Tool bereits einen Bildungspreis gewonnen, und Hunderte Lehrkräfte haben sich angemeldet, um es im Unterricht einzusetzen.

Stories that Move

In Stories that Move regen die persönlichen Geschichten von Jugendlichen aus verschiedenen europäischen Ländern Schüler*innen zum Nachdenken darüber an, welche Entscheidungen sie treffen, wenn sie mit Ungleichheit und Hass konfrontiert sind.

Mein Team und ich fanden es sehr inspirierend, diese Jugendlichen zu treffen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nued, die an der ersten Jugendkonferenz von Stories that Move 2013 teilnahm, und Daniel, der erst 14 Jahre alt war, als er sich dem Projekt anschloss, waren beide anwesend, als letztes Jahr die Toolbox vorgestellt wurde – zwei Jugendliche, die es wagen, in diesen schwierigen Zeiten ihre Meinung zu äußern.

Schatz

Die Toolbox bietet einen Schatz an Bildern, Videos und Unterrichtsmaterial – das Ergebnis von zwei Jahren Forschung und drei Jahren Entwicklung und Tests, in Zusammenarbeit mit neun Partnerorganisationen in sieben Ländern. Die Diskussionen in zahlreichen Schulklassen und eine Flut von E-Mails in vielen Sprachen haben das Projekt maßgeblich geprägt. Ganz am Anfang stand eine Jugendkonferenz, und dann war der Fußboden übersät mit losen Blättern, über die sich Bildungsexpert*innen, Jugendliche und Webdesigner*innen beugten, um gemeinsam loszulegen. Wir haben hart gearbeitet, aber auch viel gelacht – ich werde nie vergessen, wie wir alle längelang auf dem Teppich lagen, um Figuren für die Illustrationen zu bilden. Die Toolbox mit ihren farbenfrohen Seiten weckt nun die Aufmerksamkeit von Schulen auch über Europa hinaus, und die Jugendlichen, die dazu beigetragen haben, können stolz darauf sein.

Meinungsvielfalt

Die Zusammenarbeit mit einem internationalen Team von Lehrkräften, die sich innerhalb von drei Jahren sechsmal trafen, war schon an sich ein großartiges Lernerlebnis. Wir haben oft sehr lebhaft diskutiert. Mir wurde schnell klar, dass es viele Dinge gab, über die wir uns nie alle einig werden könnten. So wurde der Umgang mit dieser Meinungsvielfalt ein integraler Bestandteil der Funktionsweise des Tools.

Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit

Laut einer aktuellen Studie berichten mehr als ein Drittel der Teenager, dass sie online gemobbt werden. „Eltern machen sich Sorgen, dass ihre Kinder so viel Zeit im Internet verbringen. Und über den Einfluss, den die sozialen Medien auf die Kinder haben“, so Michael McGlade, Direktor für Bildungstechnologie der International School of Amsterdam (ISA) und einer unserer Berater*innen. Wir haben uns also gefragt, ob wir eine Möglichkeit finden könnten, das Thema Diskriminierung auf der elementaren zwischenmenschlichen Ebene mit Hilfe von Technologie zur Sprache zu bringen.

Viele ISA-Studierende halfen beim Testen der Prototypen, doch Sietske, 13 Jahre alt, der im Rahmen eines eintägigen Workshops vor den Dozent*innen einen Vortrag hielt, traf den Nagel auf den Kopf. „Im Unterricht langweile ich mich oft, und dann schludere ich meine Arbeit so schnell es geht hin. Stories that Move hat mich echt zum Nachdenken angeregt. Das hat mir gefallen.“

Das Online-Tool besteht also aus fünf „Langeweile sprengenden“ Modulen voller Informationen, Aufgaben und spannenden Lebensgeschichten, die Gegenwart und Vergangenheit miteinander verbinden. Eine dieser Geschichten spielt sich zum Beispiel im Jahr 1944 ab, als Stefan Kosinski, ein junger Pole, sich in einen österreichischen Soldaten verliebt. Andere Geschichten handeln von jungen Menschen in Europa heute, wie Csaba aus Ungarn oder Anna aus Dänemark, die noch immer mit Vorurteilen konfrontiert sind und mit ihrer Identität ringen. Innerhalb der Struktur des Tools können die Jugendlichen selbst entscheiden, welche Geschichten sie weiter erkunden möchten. Und durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit entsteht ein neuer Fokus auf die Gegenwart – oder andersherum.

Persönliche Geschichten zerstören Stereotype

Ein polnischer Lehrer erzählte: „Stefan Kosinski hat meine Schüler am meisten beeindruckt – auch die Jungs! Am Ende sagten viele von ihnen, dass sie ihre Ansicht über Dinge, die sie vorher für selbstverständlich hielten, geändert und dass sie etwas über sich selbst gelernt hätten. Anders zu sein, Ausländer oder Fremder zu sein – diese Kategorien hatten ein Gesicht bekommen.“

Eine Lehrerin in der Ukraine nahm Kontakt mit Stories that Move auf, nachdem sie das Thema „Diskriminierung im Unterricht“ gegoogelt hatte. Ihre Schüler*innen glaubten zuerst nicht, dass die Jugendlichen in den Videos authentisch seien, erzählte sie uns. „Sie sagten: ‚Haben sie denn keine Angst, solche persönlichen Geschichten zu teilen?‘ Und ich sagte: ‚Sie sind offen, sie haben etwas zu sagen. Wir müssen ihnen zuhören und über das, was sie sagen, nachdenken.‘ Es hat meine Schüler*innen dazu angeregt, ihre eigenen Geschichten zu teilen und andere zu unterstützen. Mein Ziel war, ihre Toleranz zu entwickeln. Ich hoffe, dass ich das erreicht habe.“

Wie geht es nun weiter?

Stories that Move war von Anfang an ein Kooperationsprojekt, bei dem Jugendliche und Expert*innen zusammengebracht wurden. Ursprünglich wurde es für Schüler*innen im Alter von 14 bis 17 Jahren konzipiert.  Aus den Rückmeldungen der Lehrkräfte geht jedoch hervor, dass das Tool viel breiter eingesetzt wird: in Museen und Universitäten und in einem Roma-Camp, im Geschichtsunterricht, in Staatsbürgerkunde und im Religionsunterricht, aber auch im Sprachunterricht.

Der Zweck der Toolbox ist es nicht, den Nutzer*innen etwas aufzuzwingen, sondern Lehrkräften Material zur Verfügung zu stellen, mit dessen Hilfe sie Jugendliche dazu anregen können, über Vielfalt und Diskriminierung zu sprechen und anhand der persönlichen Geschichten Gleichaltriger ihre eigenen Entscheidungen zu reflektieren und sozial aktiv zu werden.

In Workshops  können Lehrkräfte die Inhalte von Stories that Move kennenlernen und sich mit der Methodik der Toolbox vertraut machen.

Zum Schluss soll eine Schülerin zu Wort kommen

Linda, 16, aus Österreich: „Es ist faszinierend, zu merken, wie uns die Geschichten aus der Toolbox berührt haben. Einerseits sind sie schockierend, weil sie zeigen, dass Homophobie, Diskriminierung und Rassismus nicht der Vergangenheit angehören. Andererseits geben sie uns Hoffnung. Sie zeigen, dass es Menschen gibt, die sich offen aussprechen, um andere zu ermutigen und uns zu zeigen, dass auch wir dazu beitragen können, die Dinge zu ändern.“

Karen Polak arbeitet im Anne Frank Haus und ist die internationale Koordinatorin von Stories that Move, toolbox against discrimination.

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